Lebenswelten im NS

Bald können Erinnerungen an das Leben im Nationalsozialismus nicht mehr von den Beteiligten selbst erzählt werden. Damit aber geht der Zugang zu diesem Teil der deutschen Geschichte endgültig verloren: ein Verständnis ihrer Erfahrungen, Erlebnisse und Perspektiven in der nationalsozialistischen Zeit.

Der Verein hat mit diesem Projekt das Ziel, das Leben im Nationalsozialismus noch detaillierter zu untersuchen und wissenschaftlich aufzubereiten. Zum einen soll das Anregen von Erinnerungsprotokollen fortgesetzt werden: weiterhin können Männer und Frauen der Jahrgänge bis 1935 ihre Erinnerungen in einem Interview mit dem Verein zu Gehör bringen und damit auch für die nachfolgenden Generationen dokumentieren. Die Interviews werden gesammelt und wissenschaftlich ausgewertet.
Ebenso möchte der Verein lebensweltliche Erinnerungsstücke der damaligen Zeit zusammentragen. Gesucht werden z.B. Fotographien und Fotoalben, Poesiealben, Tagebücher, Zeitungen, Bilder, Bücher, Feldpostkarten oder auch altes Filmmaterial. Häufig erzählen diese exemplarisch ihre ganz eigene Geschichte und bieten hierdurch Zugang zu damaligen Themen und Erlebenswelten. Gerade für die junge Generation bietet eine solche „Geschichte zum Anfassen“ einen leichteren Zugang zum Verständnis faschistischen Vergangenheit. Der Verein plant, die Gegenstände in historischen Bezug zu setzen: ihre Besitzer können auf Wunsch die Geschichte der Gegenstände kommentieren, zusätzlich sollen diese in ihrem zeitgeschichtlichen Kontext dargestellt werden. Dieser Fundus kann dann z.B. von Schulklassen als Anschauungsmaterial für den Geschichtsunterricht genutzt werden.

Das Projekt hat insofern doppelte Signalwirkung: viele Zeitzeugen profitieren davon, die Erinnerung an die nationalsozialistische Zeit mitzuteilen. Und die nachfolgenden Generationen profitieren davon, genauer verstehen und nachvollziehen zu können, wie Menschen im Nationalsozialismus handelten und dachten.

„Wenn Menschen, die eine gleiche Erziehung genossen haben wie ich, die gleichen Worte sprechen wie ich und gleiche Bücher, gleiche Musik, gleiche Gemälde lieben wie ich – wenn diese Menschen keineswegs gesichert sind vor der Möglichkeit, Unmenschen zu werden und Dinge zu tun, die wir den Menschen unserer Zeit, ausgenommen die pathologischen Einzelfälle, vorher nicht hätten zutrauen können, woher nehme ich die Zuversicht, dass ich davor gesichert sei?“
Max Frisch

Im Nachdenken  über die totalitäre Massen -Instrumentalisierung formulierte Hannah Arendt :
„ . . . es ist, als seien alle zusammengeschmolzen in ein einziges Wesen von gigantischen Ausmaßen“ .
(Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus,   Imperialismus, Totalitarismus. München(Piper),2000, S. 598).