Rezensionen

Buchbesprechung von Vera Kattermann erschienen im Deutschen Ärzteblatt für Psychologische Psychotherapeuten, Heft PP 11, 08/2012, S. 376.

Sexualisierte Kriegsgewalt: Ausgangspunkt für eine Annäherung. Svenja Eichhorn, Philipp Kuwert: Das Geheimnis unserer Großmütter. Eine empirische Studie über sexualisierte Kriegsgewalt um 1945. Psychosozial-Verlag, Gießen 2011, 112 Seiten, kartoniert, 16,90 Euro

Kaum eine andere Generation als die „Kriegskinder“ hat mit so deutlicher Verspätung noch eine so eingehende Würdigung ihres spezifischen Schicksalskontexts erfahren. In identifikatorischer Zwickmühlensituation waren sie einerseits häufig in parentifizierter Rolle für die Nöte ihrer seelisch kriegsversehrten, traumatisierten und zwischen Trauer und Schuld pendelnden Eltern zuständig. Andererseits aber herrschten Befremden, Empörung und Wut und das Ringen um eigene Positionen vor: ambivalente Loyalität oder verbitterte Anklage.

Svenja Eichhorn und Philipp Kuwert haben eine an der Universität Greifswald initiierte Studie veröffentlicht, die erstmals systematisch der Frage nachgeht, inwiefern Vergewaltigungen von Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs zu nachhaltiger psychotraumatischer Belastung geführt haben. Etwa zwei Millionen Frauen sollen in den letzten Kriegsmonaten 1945 in Deutschland und angrenzenden Gebieten vergewaltigt worden sein. Diese hohe Zahl steht in auffallendem Kontrast zum fast durchgängigen, schambesetzten Schweigen, welches die Verarbeitung dieses Traumas zur Privatsache erhoben hat.

Die Studie von Eichhorn und Kuwert hat 27 betroffene Frauen als Opfer sexueller Gewalt qualitativ und quantitativ befragt und Umfang und Chronizität einer posttraumatischen Belastungsstörung ermittelt. Erhellend für den Leser ist hierbei die Erkenntnis, dass die seelische Belastung der Vergewaltigung durch die Verbindung mit zusätzlichen Traumatisierungen (etwa Heimatverlust, Mitansehen von Erschießungen, erzwungenes Umbetten von Leichen) häufig verstärkt war. Die Autoren sprechen von durchschnittlich 10,8 erlebten Traumata, eine erschütternd hohe Zahl. Differenzierend wirkt auch die Untersuchung der Anzahl der Vergewaltigungen. Denn ein Großteil der Frauen wurde mehrfach vergewaltigt. Diese Studie führt im Mittel 12,5 Vergewaltigungen pro Frau auf. So kann kaum überraschen, dass auch mehr als 65 Jahre nach Kriegsende etwa die Hälfte der untersuchten Frauen die Symptome einer voll oder partiell ausgeprägten posttraumatischen Belastungsstörung aufwies.

Das Buch Ächzt unter dem hohen Anspruch exakter Wissenschaftlichkeit. Schade, dass Autoren und Leser sich so mühevoll am harten Brot von Validität, Objektivität und Repräsentativität, empirischen Skalen, Stichproben und Diagnoseschlüsseln abarbeiten. Zwar schinden die Zahlen intellektuell durchaus Eindruck, ihre vielfältige, schwierige und schambesetzte und oft sicher auch widersprüchliche emotionale Aufladung aber vermögen sie nicht ansatzweise zu vermitteln. Die wenigen, eingestreuten Zitate aus den qualitativen Interviews im Buch lassen den Wunsch eher dringlicher werden, das Erleben der Frauen weit umfassender zu erfahren. Psychotherapeuten wissen von den seelischen Spuren der Kriegstraumatisierungen, die sich häufig auch in den emotionalen Konflikten der Enkel fortschreiben.

Die von Eichhorn und Kuwert vorgelegte Studie ist wichtig, weil sie den Stand der bisherigen Forschung zu sexuellen Kriegstraumatisierungen umfassend darstellt und einige fundierte neue Erkenntnisse zusammenträgt. Der auffallenden, auch wissenschaftlichen Zurückhaltung in der Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt wirkt es somit erfreulich entgegen. Zu wünschen bleibt, dass es eher Ausgangs- denn Endpunkt einer Annäherung bildet, die sich dem Erleben und Verarbeiten kriegsbedingter Vergewaltigungen verschreibt.

 

Buchbesprechung von Vera Kattermann: erschienen im Deutschen Ärzteblatt für Psychologische Psychotherapeuten, Heft 3/2008

Plänkers, Thomas, Bahrke Ulrich u.a.: Seele und totalitärer Staat. Zur psychischen Erbschaft der DDR. 19,90 Euro. psychosozial Verlag, ISBN 3-89806-399-2.

Seidler, Christoph und Froese, Michael J. (Hrsg.): Traumatisierungen in (Ost-)Deutschland. psychosozial Verlag, ISBN 3-89806-564-1. 19,90 Euro.

Knapp 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems der DDR ist die öffentliche Diskussion und Reflektion seines psychischen Erbes immer noch bemerkenswert dünn. Abgesehen von einigen eher plakativen Versuchen, die Auswirkungen der totalitären politischen Strukturen zu beschreiben und zu analysieren, wie z.B. durch H.-J. Maaz bald nach der „Wende, ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Frage bislang eher verhalten. Umso willkommener sind zwei im psychosozial-Verlag erschienene Aufsatzbände, die jeweils aus psychoanalytischem Hintergrund verschiedene Verständniszugänge zusammentragen. Welchen Einblick geben sie in mögliche gesellschaftsbedingte Pathologien?

Der Sammelband von Plänkers u.a. diskutiert verschiedene Behandlungsverläufe von ostdeutschen Patienten und möchte hierbei aufschlüsseln, „wie das DDR-System auf die innere Welt der Menschen einwirkte und welche tiefen Spuren es hinterlassen hat (S. 15). Hierbei aber enthüllt sich die generelle Problematik von gesellschaftskritischen Fallvignetten: die Verflechtungen von individueller Pathogenese und gesellschaftlich bedingten seelischen Schädigungen sind so vielfältig, komplex und unentwirrbar verwoben, dass der Versuch, gleichsam lupenrein eine gesellschaftlichen Trauamtisierungskontext der Störungen herauszupräparieren immer etwas erzwungen wirkt. Hier drängt sich dann schell der aus der Gestaltpsychologie bekannte Eindruck auf, dass gerade jene Zusammenhänge hergeleitet und dargestellt werden, die der Untersucher schon vorab zu finden hoffte. So stellt sich auch bei diesem Sammelband die Frage, inwiefern der Blick auf diese Patientengeschichten häufiger als nötig versucht ist, eben jene Stereotypen zu reproduzieren, welche Ostdeutsche a priori als ohnmächtig deformierte, in Abgrenzung und Individualität behinderte Menschen erkennen. Viele der in den Vignetten aufgeführten Beispiele für spezifische Deformierungen durch die DDR-Staatsdoktrin überzeugen nur bedingt, so wenn beispielsweise ein „seelisches Funktionieren“ als charakteristisch für die Anforderungen des Systems genannt wird. Denn auch das kapitalistische System benötigt ja das reibungslose „Funktionieren“ seiner Bürgerinnen und Bürger. Wenn der Sammelband entsprechend auch eine gute Grundlage für weitere Diskussionen bildet, so mangeln viele der vorgestellten Fallvignetten doch an der nötigen Präzision in der Untersuchung der gesellschaftlichen Genese der Störungen.

Der Sammelband von Seidler und Froese hat beim Nachdenken über das historische Erbe der DDR-Sozialisation einen vielfältigeren Zugang gewählt: die Aufsätze vereinen sowohl Krankengeschichten als auch kulturtheorethische Verständnisansätze und bieten den Lesern damit einen breiteren Horizont für die Auseinandersetzung. Besonders eindrücklich ist der Aufsatz von Mario Erdheim, der überzeugend aufzeigt, wie stark öffentliche und private Erinnerungsversuche von Verdrängungsprozessen geprägt sind, die immer auch machtpolitische Funktionen haben. Bezogen auf die DDR ist so z.B. danach zu fragen, wie stark im Einzelnen der Wunsch war, sich mit den politischen Mächtigen zu identifizieren. Statt als eher eindimensional wirkende „Opfer“ eines repressiven Systems können DDR-Bürger somit als ganz normal vielschichtige Subjekte mit Neigung zu Anpassung und Widerstand verstanden werden. So versuchen die Aufsätze in diesem Sammelband recht überzeugend, der Gefahr direkter Kurz-Schlüsse und universeller Zuschreibungen zu entgehen und stattdessen vorsichtig und ausschnitthaft historische, politische und soziale Perspektiven zum Verständnis des psychischen Erbes der DDR zusammenzutragen. Einer Pathologisierung ihrer Bürgerinnen und Bürger wird so vorgebeugt. Damit eröffnen sich dann auch Perspektiven, die Bezüge zwischen den Sozialisierungen in Ost- und Westdeutschland transparent machen. Diese Perspektiven eröffnen sich nicht nur hinsichtlich des gemeinsamen traumatischen Erbes des 2. Weltkriegs, also z.B. durch Bombardierung, Vertreibung und schuldhafte Täterschaft, sondern auch in Bezug auf die Erkenntnis, dass beide politischen Systeme zu spezifischen psychischen Deformierungen geführt haben dürften. Dies im heutigen „Post-Wende-Deutschland“ genauer zu verstehen ist für die psychotherapeutische Arbeit unerlässlich.

 

Buchbesprechung von Vera Kattermann: erschienen im Deutschen �rzteblatt f�r Psychologische Psychotherapeuten, Heft 4/2007, S. 187.

Nele Reuleaux: Nationalsozialistische Täter. Die intergenerative Wirkungsmacht des malignen Narzissmus. Psychosozial Verlag, ISBN 3-89806-555-3. 32,00 Euro.

„Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muss weggehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich“ hat Hitler in Bezug auf die während des Nationalsozialismus aufgewachsenen Kinder verkündet. Heute sind diese Kinder und Jugendlichen Senioren � was ist aus diesem Plan der psychischen Verhärtung geworden? Oder sind in der intergenerativen Weitergabe sogar die unverarbeiteten Destruktivitätspotentiale derjenigen wirkungsmächtiger, die im Nationalsozialismus Täter waren? Diese Frage steht im Zentrum der Studie von Nele Reuleaux. Die Autorin geht vom momentan vorherrschenden Normalitätsparadigma in der Täterforschung aus, das sich z.B. in Christopher Brownings Studie „Ganz normale Männer“ in Bezug auf Gräuel durch Wehrmacht und Polizeibataillone artikuliert. In Abgrenzung zu dieser Auffassung postuliert sie typische psychopathologische Strukturen als maligner Narzissmus, der als „gesellschaftskonforme Störung“ die psychische Vorraussetzung für die nationalsozialistische Vernichtung gebildet habe. Die Kontroverse zwischen „normal“ versus „pathologisch“ birgt insofern Brisanz, als sie unterschiedliche politische Schlussfolgerungen zeitigt: waren die Tïäter nur „normale Männer“, so könnte ein jeder von uns Täter geworden sein und hat sich entsprechend mit der Monstruosität der Verbrechen auseinanderzusetzen. Eine Ausgrenzung der Täter als „Bestien“ fällt damit schwer. Dem hält die Autorin entgegen, dass eine fehlende Beachtung des Ineinanderwirkens pathologischer und normaler Strukturen zur unbewussten Weitergabe der pathologischen Strukturen beitrage, das Normalitätsparadigma also eine Abwehr der damit verbundenen Beunruhigung darstelle. An Ausschnitten von Vernehmungsprotokollen und Prozessakten versucht sie zu demonstrieren, dass eine maligne narzisstische Persönlichkeitsorganisation im Wirken vieler NS-Täter herausgearbeitet werden kann, die sich u.a. durch eine Fassade kalter Grandiosität, sado-masochistische Beziehungsstrukturen, Machtstreben, Unfähigkeit zu Empathie und Dehumanisierung anderer ausweist. Dabei ist der Autorin das Verdienst zuzuschreiben, dass sie es keinesfalls bei einer klinischen Diagnose belässt, sondern die Verwobenheit mit politischen, ideologischen und sozialpsychologischen Dynamiken diskutiert. Ebenso möchte sie aufzeigen, wie sich im intergenerativen Prozess diese psychopathologischen Strukturen fortschreiben „die hierzu gewählten Fallbeispiele haben allerdings eher illustrativen Charakter, als dass sie ihre Hypothesen überzeugend untermauern könnten.

Nach Lektüre dieses klar gegliederten und gut verständlich geschriebenen Buches bleibt als offene Frage, ob eine psychopathologische Diagnose der NS-Täter tatsächlich einen zentralen Erkenntniszuwachs bedeutet. Vor dem Hintergrund der enormen Anzahl sehr unterschiedlich an den nationalsozialistischen Verbrechen Beteiligter erscheint mir diese Diagnose nicht ausreichend differenziert und vor allem auch in ihren unterschiedlichen Implikationen unklar: Wie konnten dann entsprechende Täter nach dem Ende des Nationalsozialismus ihre psychischen Störungen kompensieren oder „unterbringen“? Und was wäre dann im Hinblick auf die Prävention künftiger systematischer, politischer Verbrechen zu fordern? Die rekonstruktive Anwendung der Diagnose ebenso wie die in diesem Zusammenhang postulierten intergenerativen Folgewirkungen bleiben notwendigerweise etwas eindimensional und hypothetisch, solange der Fokus allzu sehr auf die Pathologie gerichtet wird. Dennoch artikuliert dieses Buch eine kritische Teil-Sicht auf die Frage nach dem psychischen nationalsozialistischen Erbe.

 

Buchbesprechung von Vera Kattermann: erschienen in leicht geänderter Fassung in: Psyche,  Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen, Heft 7-2006, S.678-682. Vera Kattermann über

Harald Welzer: Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Fischer Verlag, ISBN 3-10-089431-6

„Wenn Menschen, die eine gleiche Erziehung genossen haben wie ich, die gleichen Worte sprechen wie ich und gleiche Bücher, gleiche Musik, gleiche Gemälde lieben wie ich, wenn diese Menschen keineswegs gesichert sind vor der Möglichkeit, Unmenschen zu werden und Dinge zu tun, die wir den Menschen unserer Zeit, ausgenommen die pathologischen Einzelfälle, vorher nicht hätten zutrauen können, woher nehme ich die Zuversicht, dass ich davor gesichert sei“

Dieses Zitat von Max Frisch stellt Harald Welzer seinem Buch über Täter des Nationalsozialismus voran und vermittelt dadurch ein Gefühl drängender innerer Unruhe, das den Hintergrund seiner Arbeit gebildet haben dürfte. In Frischs überlegung wird die psychische Nähe zu den NS-Tätern gerade durch eine phantasierte Seelenverwandtschaft beängstigend groß und kulminiert in der Frage: „Könnte auch ich so einer geworden sein?“

Auch Welzer geht im folgenden an die Täter „ganz nah ran“. Gegenübertragungsreaktionen wie Aversion, Fassungslosigkeit und Resignation werden zwar kurz erwähnt, das Buch plädiert aber für ein sachlich-analytisches „Verweilen beim Grauen“ (H. Arendt) als Gegenbewegung zu einer intellektuellen und politischen „Selbstentmündigung, jedes Mal dann, wenn sich ein massenmörderischer Prozess (…) vollzogen hat, über die dabei freigesetzte Grausamkeit so entsetzt zu sein, als wäre es das erste Mal“ (S. 14). So begibt Welzer sich auf die Suche nach (sozial-)psychologischen Erklärungsansätzen für die Massenvernichtung des Nationalsozialismus und trägt eine Vielzahl von Argumenten zusammen, mittels derer eine politische und soziale Gewordenheit der NS-Täter plausibler wird. Es gelingt ihm, durch das genaue Betrachten des erschreckenden Geschehens die nationalsozialistische Massenvernichtung als soziales Wirkgefüge transparent zu machen: sowohl ihr spezifischer Prozess- als auch ihr Gruppencharakter wird herausgearbeitet und in Bezug zur sozialen Ausgrenzungsdynamik und zum politischen Diskurs des Nationalsozialismus gesetzt. Eindimensionale Erklärungsansätze der nationalsozialistischen Verbrechen, wie z.B. als bedingt durch spezifische Persönlichkeitsstrukturen der Täter, treten so in ihrer Begrenztheit noch einmal deutlich hervor. Welzer erinnert daran, wie Ausgrenzung und Diskriminierung der Juden den Boden bereitete für die proklamierte Notwendigkeit, sie zugunsten der „Lösung der gesellschaftlichen Probleme“ zu töten: „Mit Raul Hilberg kann man formulieren, dass das Schicksal der europäischen Juden in dem Augenblick besiegelt war, als ein Beamter 1933 eine Definition dessen, wer „arisch“ war und wer nicht, in einer Verordnung niederlegte“ (S.249). Die damit verbundene Verschiebung des normativen Referenzrahmens, die zunehmende gesellschaftliche Toleranz gegenüber Diskriminierung und Verfolgung der Juden, bildet nach Welzer den Ausgangspunkt dafür, dass die Täter sich aus für sie plausiblen Gründen fürs Töten entschieden: „Wegsehen, Dulden, Akzeptieren, Mittun und Aktivwerden  sind keine grundlegend voneinander verschiedenen Verhaltensweisen, sondern Stadien auf einem Kontinuum der Veränderung von Verhaltensnormen (S.60). Waren die Täter erst einmal von der Notwendigkeit oder gar Sinnhaftigkeit des Mordens überzeugt, trug die interne Dynamik der Einsatzgruppen und der dynamische Charakter der Tötungsarbeit dazu bei, das Morden zu normalisieren und zu professionalisieren. Welzer untersucht hierzu die Ermittlungsakten zu den Massenexekutionen jüdischer Menschen in Schepetowka, Berditschew und Winniza (Ukraine) sowie in Babij Jar und zeigt die beteiligten Täter als Akteure in einer sich beständig ausdifferenzierenden „Tötungsarbeit“. Die wiederholt auftretenden „technischen Herausforderungen“ der Exekutionen führten zu immer professionelleren „Lösungen, die ihrerseits die Normalität des Tuns scheinbar bestätigten. Arbeitsteilung im Gruppengeschehen und Binnendifferenzierung der Gruppenrollen gewährleisteten ein immer perfekteres Funktionieren, das seinerseits Gruppenzugehörigkeit und auch materielle Vorteile garantierte. Dass letztlich nur etwa einhundert von 19 Millionen Wehrmachtsangehörigen in der Lage waren, sich dieser Massenexekutions-Dynamik zu entziehen, ist als Hinweis auf die Stärke ihres Sogs zu verstehen, den nach Welzer in Rückbezug auf die berühmten Milgram-Experimente nur eine soziale Nähe zu den Opfern zu durchbrechen vermag.

Ein weiteres, zentrales Argument in Welzers Analyse bildet die „partikulare nationalsozialistische Moral“, ohne die sich nach seiner Auffassung der Massenmord nicht hätte organisieren lassen: in ihr waren persönliche Skrupel der Täter ebenso wie ihr Leiden an der schweren Aufgabe des Tötens normativ integriert. Die „Binnenrationalit“ der nationalsozialistischen Mörder ermöglichte eine Selbststilisierung als Held, der für Volk und Vaterland die unangenehme, schwere und doch notwendige Arbeit des Tötens auf sich nahm.

Gerade in dieser Darstellung liegt aber auch eine Ungenauigkeit und analytische Schwäche Welzers: zum einen bezieht er sich hierfür auf im Kontext von Strafverfahren gemachte Aussagen, die eben kaum eine offene, selbstreflexive Auseinandersetzung der Täter erwarten lassen, sondern vielmehr konkreten, auch juristisch notwendigen Rechtfertigungsstrategien gehorchen. Zwar wird diese Einschränkung auch von Welzer diskutiert, man fragt sich allerdings, wieso er dies nur im Kleingedruckten am Anhang tut. Tatsächlich ist an vielen Stellen seiner Analyse nicht sicher bestimmbar, inwiefern die nationalsozialistische Begründung des Mordens mittels „partikularer Moral“ ein tatsächliches Motiv des damaligen Handelns darstellt oder aber als nachträgliche Rechtfertigungsstrategie der Täter mit dem Ziel der Selbstrehabilitierung zu verstehen ist. Dabei ist natürlich ungewiss, ob die moralische Selbstverortung der Täter überhaupt zweifelsfrei zu rekonstruieren ist und sich bestimmen lässt, in welchen Momenten sie mit welchen Motiven handelten. Vielmehr ist zu vermuten, dass die Handlungsmotivationen vieler Täter veränderlich, vielschichtig und auch widersprüchlich sein konnten. Wenn Welzer aber schreibt, die Täter „mordeten (…) nicht als Person, sondern als Träger einer historischen Aufgabe, hinter der ihre persönlichen Bedürfnisse, Gefühle, Widerstände notwendig zurückstehen mussten“ (S.38), so entsteht der Eindruck, er könnte hier einer Verwechslung von objektiven Sachverhalten mit nachträglichen Interpretationen der Täter aufgesessen sein. Der Versuch einer Entverantwortung der Täter durch den Rekurs auf die politischen Umstände ist ein durchgängiges Motiv  der Schuldabwehr seit dem Ende des Nationalsozialismus und dient an dieser Stelle entsprechend kaum einer differenzierten Analyse des eigentlichen Geschehens.

Moralische Selbstreferenzen der Täter sind dabei schon vor über fünfzehn Jahren vom israelischen Psychologen Dan Bar-On beschrieben worden (und man ist verwundert, dass Welzer auf dessen Forschungen an keiner Stelle eingeht), der diese jedoch anders interpretierte: Für ihn stellt die Konstruktion eines moralischen Selbst der Täter einen Weg dar, mit der verantworteten Schuld ebenso wie mit der drohenden Selbstinterpretation als amoralisches Wesen fertig zu werden. Das Stilisieren von ausgesuchten Situationen moralischen Handelns oder Empfindens ist in dieser Hinsicht Ausdruck einer „paradoxen Moralität“ der Täter, die erlaubt, die eigentliche grundlegende Amoralität des Handelns ausblenden zu können. Diese Akzentverschiebung ist wichtig: ist es bei Welzer die Nazi-Ideologie, welche die Täter gleichsam in Beschlag legte und ihnen ermöglichte, das mörderische Handeln moralisch zu interpretieren, so versteht Bar-On den einzelnen Täter viel stärker im Zentrum eines moralischen Konfliktes, der auch um Schuld, Schuldgefühle und individuelle Verantwortung kreist.

Der eigentlich bestürzende Befund des Buches wird von Welzer entsprechend nur am Rande diskutiert: So gut wie alle Täter haben nach Kriegsende keinerlei Anzeichen von Schuldempfinden für ihr Tun gezeigt: „insgesamt bleibt in der Revue der Selbstbeschreibungen der Täter auffällig, dass in fast keinem Fall so etwas wie ein Bruch in der Lebensgeschichte erkennbar wird, ja, nicht einmal eine Irritation darüber zu verzeichnen ist, was man zu tun in der Lage war und was man getan hat (S.215). Gerade damit aber gerät auch die Plausibilität der Hypothese Welzers ins Wanken, muss man sich doch fragen, ob die Täter nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes nicht massive Schuldkonflikte hätten entwickeln müssen, wenn es tatsächlich überwiegend die „partikulare nationalsozialistische Moral“ war, welche den Tätern das Morden und Foltern so leicht machte. Welzer aber lässt diesen Widerspruch undiskutiert, es scheint, als sei ihm die Relevanz der Schuldfrage zum Verstehen der Täterpsychologie schlichtweg entgangen.

Dies dürfte kein Zufall sein. Vielleicht gerät diese Frage gerade dadurch aus dem Blickfeld, dass Welzer die emotionale Dimension seiner Auseinandersetzung mit dem Material bewusst auszuklammern versuchte. Der unerschrockene Blick auf das brutale Geschehen ermöglicht ihm zwar eine umfassende Analyse der mit den Massenexekutionen verbundenen sozialen Prozesse und Dynamiken, doch muss sie zwangsläufig an jenem Punkt zu kurz greifen, wo die emotionalen Abgründe und Widersprüche des Täterhandelns in den Vordergrund rücken. Die eingangs vermutete innere Unruhe in der Auseinandersetzung mit der Frage: „Könnte auch ich so einer gewesen sein?“ wird also gleichermaßen mittels der sachlich-nüchternen Analyse der Umstände umgangen, sie mag aber im Bezug auf die Frage der Schuldbearbeitung den Hintergrund der auffälligen analytischen Schwäche bilden. Tatsächlich wagt Welzer sich mit seinem Buch ja in schwierige Gewässer: es handelt sich eben nicht nur um „irgendwelche Nazi-Täter“ oder eben auch Mitläufer, über die hier nachgedacht wird, sondern um unsere Eltern oder Großeltern und die damit verbundene Schuldfrage hat Deutschland seit dem Ende des zweiten Weltkrieges polarisiert. Indem Welzer die Täter als „ganz normale Menschen“ zeigt, entfernt er sich maximal von der nach Kriegsende zunächst vorherrschenden Dämonisierung und Schuldprojektion auf ausgesuchte Einzeltäter. Wenn aber die Täter nun als Menschen wie Du und Ich erscheinen, die der „partikularen nationalsozialistischen Moral“ und gruppendynamischen Prozessen ausgesetzt waren und ansonsten ihr Leben nach den Gräueltaten recht bruchlos wieder aufnahmen, mag man dann noch die Frage nach Verantwortung und Schuld stellen?

Welzer schreibt mit einer betonten und sicheren Lässigkeit, hinter der eine eigentliche Lust an Kühnheit und provokantem Denken hervorblitzt – man sieht ihn gleichsam genüsslich wie ein Wellenreiter durch die Klippen der political correctness surfen. Die Insuffizienzgefühle, die ich als Leserin entwickele, wenn es mir nicht gelingt, ebenso kühl und lässig durch die Welt der nationalsozialistischen Massenvernichtung zu surfen, führen dazu, dass ich Welzers Thesen zunächst recht bedenkenlos zustimmen möchte und allenfalls eine subtile innere Gereiztheit wahrnehme. Zu spüren ist dann aber auch, dass Welzer mich in einen ähnlichen Prozess der Abstumpfung und Dissoziation schickt, wie er historisch für die Nazi-Täter charakteristisch gewesen sein könnte und wie ihn schließlich auch Welzer selbst in seiner Auseinandersetzung durchlaufen haben könnte und an dessen Ende eben jener unerschrockene und kühle Blick steht, von dem hier die Rede ist. Auch als Leserin fühle ich mich im Fortgang der Beschreibungen der Massenexekutionen zunehmend abgestumpft und verliere die Fähigkeit, das beschriebene Grauen in seiner emotionalen Tragweite zu ermessen.

Und vor diesem Hintergrund scheint sich dann auch der Blick dafür zu trüben, was Welzer mit seinem Buch bewirkt: wenn politischer Diskurs und soziale Prozesse und Dynamiken in den Vordergrund der Begründungstheorien rücken, gerät die Frage nach individueller Verantwortung und Schuld automatisch aus dem Blickfeld. Die letztlich zu bejahende Frage des „Könnte auch ich so einer gewesen sein?“ scheint milde zu stimmen und lässt moralische Bescheidenheit aus. Vielleicht ist der nüchterne Blick für Welzer die einzige Haltung, mittels dessen sich das nationalsozialistische Morden, Quälen und Foltern untersuchen lässt. Auf Dauer aber liegt die Herausforderung in einer Integration des Fühlens in den Verständnisversuch, jenseits möglicher politischer Betroffenheitsdiskurse.

 

 

Buchbesprechung von Vera Kattermann, erschienen im Deutschen Ärzteblatt für Psychologische Psychotherapeuten, Heft 10/2006, S. 470.

Ulla Roberts: Starke Mütter – ferne Väter. über Kriegs- und Nachkriegskindheit einer Töchtergeneration. Haland & Wirth im Psychosozial Verlag, ISBN 3-89806-444-1, 24,90 Euro.

Die gesellschaftliche Diskussion über die Auswirkungen des 2. Weltkrieges differenziert und diversifiziert sich in den letzen Jahren: mehr und mehr wird auch nach Erfahrungen gefragt, innerhalb derer Deutsche nicht nur als Täter, sondern auch als Erleidende von traumatischen Erfahrungen in Erscheinung treten. Vor diesem Hintergrund liegt die Untersuchung spezifisch weiblicher Kriegs- und Nachkriegserfahrungen und ihre Auswirkungen auf die Lebensentwürfe und das Selbstverständnis von Frauen aus der zweiten Generation (also der Töchter der Kriegsmütter) nahe. Ulla Roberts legt mit ihrem Buch eine psychosoziale Untersuchung ausgewählter Fallgeschichten von Frauen der Jahrgänge 1933 bis 1943 vor. Die Autorin zählt selbst zu dieser Gruppe und schreibt entsprechend ein durchaus persönliches Buch, indem sie die eigenen Erfahrungen zu denen der vorgestellten Frauen in Bezug setzt. Dabei trägt sie verschiedene psychische, politische und soziale Faktoren zusammen, welche die Lebengeschichten der während des Kriegs geborenen bzw. aufgewachsenen Töchter geprägt haben. So fokussiert sie beispielsweise die sich während des Krieges wandelnde Rolle der Mütter, die oft von einem Zuwachs an Selbstbewusstsein und verantwortlicher Stärke geprägt war, ebenso wie die damit verbundene Leerstelle im Bezug auf den Platz des Vaters, der oft idealisiert oder aber abgelehnt und entwertet wurde und bei vielen Frauen zu einem entfremdeten Vater-Tochter-Verhältnis führte. Die emotionalen Auswirkungen der Kriegserlebnisse werden ebenso diskutiert wie der ideologische und politische Kontext der nationalsozialistischen Familienwirklichkeiten. Die Autorin zeichnet damit ein recht umfangreiches Bild der Auswirkungen einer Sozialisation und psychischen Entwicklung während der Kriegs- und Nachkriegsjahre, es wirkt in dieser Rundumschau aber auch etwas oberflächlich. Das mag an der Heterogenität der vorgestellten Lebensgeschichten liegen, die eher oberflächliche denn differenziert herausgearbeitete Verallgemeinerungen zulassen. So ist z.B. in Frage zu stellen, ob nicht systematischer im Bezug auf die jeweiligen Geburtsjahre hätte unterschieden werden müssen: zwar bemerkt die Autorin an einer Stelle, die Töchter würden das Verhalten ihrer Eltern während der NS-Zeit in Abhängigkeit davon beurteilen, ob sie den Krieg selbst noch miterlebten oder nicht, doch lässt sie diese Fragestellung darüber hinaus weitgehend unberücksichtigt. Dabei ist kaum zu bezweifeln, dass im Rückbezug auf die kindliche Entwicklung jedes Kriegsjahr die Erfahrungen sehr unterschiedlich geprägt haben wird. Ebenso ist in Frage zu stellen, ob die vorgestellten Lebensgeschichten nicht am Stück (statt in exemplarischen Ausschnitten) hätten analysiert werden sollen, um dadurch einen Zugang zu verborgenen Verständnisebenen zu gewinnen.

Als Leserin, die sich mittels des Buchs Aufschluss über die Kriegskindheit der eigenen Mutter wünscht, erhalte ich so zwar eine Einstimmung auf mögliche relevante Aspekte, in der Vielzahl der z.T. sehr unterschiedlichen Beispiele kann aber eine spezifische Gestalt unterschiedlicher kriegsbezogener Traumatisierungen nicht ausreichend klar herausgearbeitet werden. So bleibe ich nach Lektüre des Buches eher mit offenen Fragen zurück, die immerhin den intergenerationellen Dialog anzuregen vermögen.

 

 

Wachsmuth, Iris (2009): Familäre Tradierungen, Mythen und Tabus: Edda Ahrberg: In zwei Diktaturen, in: Deutschland Archiv, Zeitschrift f�r das vereinigte Deutschland, 3/2009, 42. Jg., S. 563-564